Nachruf Walt Weisse
Walt Weisse, ums Leben gekommen am Nachmittag des
2. März 2005 in den Flammen seines Wohnhauses, hat
den Club für Molosser e.V. und das Bild der
Molosser in der Gesellschaft geprägt wie kein
anderer. Vielfältig gesellschaftlich engagiert als
großer Kynologe, erfolgreicher Züchter und
international anerkannter Fachbuchautor hat er in
der Hundewelt für immer seine Spuren hinterlassen
- unangepasst, mutig, kompromisslos, unbequem und
konfliktfreudig.
Walt Weisse wurde am 14.08.1932 in Belgard
(Pommern) geboren. Unter dem Namen "Vagantenhof"
betrieb er in Egling / Oberbayern eine
gleichnamige Hundeschule und Hundepension, die
sich durch seine Erfolge bei schwierigen Hunden
einen guten Namen machte.
Noch größer war der Ruhm, den er als Züchter mit
dem Zwinger "vom Vagantenhof" errang.
Weltjugendsieger, ATIBOXsieger, Europasieger,
Bundessieger, Internationale Champions, Klubsieger
und Jahressieger gingen aus dieser Zucht hervor
und führten zu weltweiter Bekanntheit.
Als Gründer der Gruppe Hachinger Tal der
Landesgruppe Bayern im Boxer Club München e.V.
züchtete er insgesamt 46 Würfe Boxer und war dort
bis zuletzt hoch geachtetes Ehrenmitglied.
Für die Molosser, besonders aber für die Mastini
Napoletani, war Walt Weisse Geburtshelfer der
Zucht in Deutschland und Pionier derselben
zugleich.
Als der überhaupt erste MAN-Wurf in Deutschland
fiel (Züchter: Udo de Haas, Nesselwang, Allgäu),
wurde im gleichen Jahr die Betreuung der Rasse MAN
vom VDH dem damaligen Club für Bordeauxdoggen und
Mastiffs übertragen. Am 25.10.1975 wurde Walt
Weisse Vorsitzender dieses Vereins, der heute den
Namen Club für Molosser e.V. trägt.
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"Als der ehemalige deutsche Club für
Bordeauxdoggen und Mastiffs einen neuen
Namen finden musste, der allen
vertretenen Rassen gerecht werden
konnte, tauchten die abenteuerlichsten
Vorschläge auf: Kampfhunde-Klub, Panzer
der Antike und ähnlicher Unsinn. Lange
haben wir über den Namen nachgedacht und
- obwohl man sich des zoologischen
Nonsense bewusst war - man einigte sich
auf "Club für Molosser". In der Schweiz,
in Holland, in Spanien und in den USA
gibt es nun heute auch schon "Molosser-Clubs",
die v o r
der Namensgebung sich mit
berufenen Kynologen berieten. Niemand
hat einen "besseren" und vor allem
zutreffenderen Namen finden können."
Walt Weisse in "Molosser"(1987) |
Walt Weisse kam fast abenteuerlich in den Besitz
des aus dritter oder vierter Hand stammenden
mächtigen Mastino-Rüden "Omero di Villa Bilangione".
Mit diesem von ihm selbst als "schwierig"
bezeichneten Rüden machte Walt Weisse dann die
Rasse auf zahlreichen Hundeausstellungen in
Deutschland erstmals bekannt. "Omero di Villa
Bilangione" wurde erster Deutscher Bundessieger
und Europasieger, durch ihn wurde Walt Weisse zum
leidenschaftlichen "Mastinari" und zusammen mit
Liljana Denger und Willi Karner (Legau im Allgäu)
zum Pionier der Rasse Mastino Napoletano in
Deutschland.
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"Wer trotz aller Schwierigkeiten sich
entschließen sollte, Mastini Napoletani
zu züchten, der muss wissen, dass er
sich auf ein gewaltiges Abenteuer
einlässt. In den 13 Jahren meines
Abenteuers habe ich unzählige "Züchter"
kommen und gehen gesehen. Nur jene, die
wirklich mit Haut und Haar zum "Mastinari"
wurden, haben durchgehalten, an einer
Hand kann man sie abzählen!"
Walt Weisse in "Molosser"(1987) |
Am 14. Mai 1977 fand unter Walt Weisses Leitung
die erste Spezialzuchtschau in München im
"Königlich Bayerischen Hirschgarten" statt: 100
ausgestellte Molosser, davon bereits 29 MAN!
10.000 Besucher bestaunten erstmals in Deutschland
diese "mächtigen, archaischen, kraftvollen,
ruhigen Hunde" (Walt Weisse), die hervorragend
gestaltete und organisierte Medienkampagne führte
zu Schlagzeilen über die "Münchener
Hundesensation". 1987 wurden dann bereits 150
MAN-Welpen jährlich in das deutsche Zuchtbuch
eingetragen.
Ebenso führte Walt Weisse den Club für Molosser
e.V. zu einem rasanten Aufschwung. Im Jahr 1975
lag die Mitgliederzahl bei 32, es wurden zwei
Rassen mit fünf geschützten Zwingernamen
vertreten. 1987 konnte der Club unter Walt Weisses
Führung stolz auf 1000 Mitglieder, sieben
vertretene Molosserrassen und 140 Züchter
verweisen.
Nicht nur sein kynologisches Fachwissen und sein
hervorragendes Talent für die
Öffentlichkeitsarbeit ermöglichten diesen Erfolg,
auch seine zielgerichtete Art der Menschenführung
trug erheblich dazu bei. Der erste Vorsitzende
Walt Weisse war für Clubmitglieder Tag und Nacht
erreichbar. Als im VDH die Röntgenpflicht
eingeführt werden sollte, war er es, der
unermüdlich den Konsens für diese
Mitgliederentscheidung herbeiführte. Bei einigen
bis heute umstritten ist seine Entscheidung, den
damals stetig wachsenden Club in Arbeitsgruppen
und nicht in Landesgruppen zu strukturieren.
Gegenüber der Öffentlichkeit und auch gegenüber
dem Dachverband erwies Walt Weisse sich als
engagierter und durchsetzungsfähiger Vertreter der
Interessen des Clubs und seiner Rassen. 1992
musste er erleben, wie ausgerechnet in seiner
Heimat Bayern die erste deutsche Rasseliste in
Kraft trat und seine geliebten Molosser ächtete,
1994 folgte das Scheitern der gegen diese
Rasseliste gerichteten Klagen vor dem Bayerischen
Verfassungsgerichtshof.
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"Die Molosser bringen ausnahmslos eine
angeborene, genetisch verankerte
Führigkeit mit, von denen manche
Vertreter der anerkannten
Gebrauchshunderassen nur träumen können.
Die Molosser besitzen neben Nervenstärke
und Belastbarkeit eine ungeheure
Sensibilität ihren Menschen gegenüber."
Walt Weisse in "Molosser"(1987) |
Wer nach den Sternen greift, kann über einen Stein
am Boden stolpern. Wer große Ziele verfolgt,
schießt manchmal auch über das Ziel hinaus. Auch
Walt Weisse beging - wie jeder Mensch - Fehler.
Einige dieser Fehler waren es, die 1996 in
Verbindung mit seiner schweren Erkrankung dazu
führten, dass Walt Weisse vom Vorsitz des Club für
Molosser e.V. zurücktrat, den Club verließ und
sein Richteramt an den VDH zurück gab.
Ob Walt Weisses Fehler aber sein Lebenswerk für
die Molosser im Ganzen schmälern können, darf
bezweifelt werden.
Die Molosser ließen ihn auch nach seinem Austritt
aus dem Club nie los. Walt Weisse verfolgte das
Geschehen im Club für Molosser e.V. weiterhin mit
großer Aufmerksam-keit, ebenso die öffentliche
Diskussion. Die Kampfhunde - Hysterie verurteilte
er als blanken politischen Aktionismus, der nichts
kostet, auf keine Wählerlobby Rücksicht zu nehmen
braucht und der letztendlich nur publikumswirksam
ist. Noch im Jahr 2000 gehörte Walt Weisse zu den
Mitorganisatoren einer Podiumsdiskussion zur
"Kampf-hunde" - Thematik des SPD - Ortsvereins
Dietramszell - Egling, als dessen Vorsitzender er
von 1988 - 1990 und von 1994 - 1998 fungierte.
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"Im Interesse unserer Glaubwürdigkeit
müssen wir uns noch vielmehr als bisher
bemühen, nervenfeste, stabile, gesunde,
funktionale und vor allem belastbare
Hunde zu züchten und als Züchter müssen
wir wesentlich intensiver als bisher
darauf achten, daß unsere Welpen nur an
Menschen abgegeben werden, die - na ja,
zumindest die gleichen Eigenschaften
aufweisen können, die wir oben bei
unseren Hunden angegeben
haben."
Walt Weisse |
Walt Weisses Veröffentlichungen über den Mastino
Napoletano, den Deutschen Boxer und das von ihm
zusammen mit anderen Autoren des Clubs
herausgegebene Buch über die Molosser sind
vielzitierte und noch heute aktuelle Standardwerke
der kynologischen Literatur.
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"Hier sind die Zuchtverbände und vor
allem die Richter auf den Ausstellungen
und bei Zuchtzulassungen gefordert,
alles "Überladene" im Sinne dieser
Definition zu disqualifizieren und unter
allen Umständen von der Zucht
fernzuhalten.
Leitsatz: Der "standardgerechte"
Molosser wird immer ein gesunder,
funktionaler Hund sein und niemals eine
Karikatur!"
Walt Weisse in "Molosser"(1987) |
Die "Ära Weisse" ist im Club für Molosser e.V. bei
all denjenigen, die sie noch erleben durften,
ebenso unvergessen wie Walt Weisse selbst - als
Vorsitzender, als Kynologe, als Zuchtexperte, als
Mastinari - aber auch als Mensch.
Es liegt an uns, aus seinem Lebenswerk zu lernen,
sein Erbe anzutreten, seine großen Ziele mit
derselben Passion und Kompetenz zu verfolgen, ohne
seine Irrtümer zu wiederholen.
Karl - Heinz Pawlik
1. Vorsitzender des Club für Molosser e.V.
Bibliographie Walt Weisse
Der Mastino Napoletano
Publ. Walt Weisse, Vagantenhof, D-8195
Egling-Deining, Deutschland, 1983
ISBN 3-924180-008
Molosser
Autor: Walt Weisse und andere
Kynos, 5. Auflage 1995
ISBN: 3-924008-31-0
Das Boxer Portrait
Alles über den Boxer von Walt Weisse
Aus der Reihe: «Rasse-Portrait»
Kynos, 1994
ISBN: 3-924008-19-1