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Kinder und Hunde
von Marion Pawlik

Unsere Clubmitglieder leben, wie man auf den Fotos
sehen kann, mit Molossern - und natürlich mit
Kindern. In manchen Familien wurden sogar schon
mehrere Generationen mit Molossern groß. Dieses
Zusammenleben klappt und bereichert beide Seiten,
wenn man mit Hunden und Kindern richtig umgeht. Das
heißt, man muss Hundewelpen früh genug und richtig
sozialisieren und Kinder zum richtigen Umgang mit
Hunden erziehen.
Übermäßige Angst, Panik und Hysterie sind genauso
falsch (und manchmal gefährlich) wie Überschwang und
die fälschliche Annahme, jeder fremde Hund sei wie "Lassie"
oder "Kommissar Rex".
Unser Sohn Nicolaj wurde in unsere Familie mit einer
Hündin und einem Rüden hineingeboren. Das meine ich
wörtlich, denn wir hatten uns wegen der Hunde für
eine Hausgeburt entschieden. So wurde der gerade
abgenabelte Säugling den Hunden als neues
Familienmitglied vorgestellt, welches sie auch ohne
Probleme akzeptierten.
Erst als Nicolaj anfing zu krabbeln, kam es mit der
Hündin zu einem kleinen Konflikt. Sie lag am Fußende
auf unserem Bett und der Kleine krabbelte auf sie
zu. Da knurrte und blaffte sie in seine Richtung.
Wir reagierten sofort und schickten sie unter
Schimpfen vom Bett. Sie hat das nie wieder versucht.
Er konnte mit ihr kuscheln und toben und sie wurden
die besten Freunde.
Diese Situation aber bestätigte unsere Einstellung,
dass man Kinder und Hunde nicht unbeaufsichtigt
lassen sollte.
Als unser Sohn anfing zu laufen, brachten wir dem
Kind bei, dass die Hunde ihre Rechte haben, z. b
.dass sie beim Fressen oder Schlafen nicht gestört
werden durften. Dafür mussten die Hunde lernen, dass
sie dem Knirps nicht die Eistüte oder den Keks
entwenden durften, indem sie einfach den ganzen Arm
im Maul verschwinden ließen.
Respekt und Verständnis füreinander müssen beide
lernen, Kinder und Hunde - und es ist unsere Aufgabe
als Erwachsene, es ihnen kind- und hundgerecht
beizubringen.
Dazu sollen die folgenden in Deutschland, Österreich
und der Schweiz recherchierten Informationen
beitragen, die alle auch für unsere Besucher im
Internet über die Club-Homepage zugänglich sind.

Kinderunfall Hundebiss
Eine Studie des Bundesveterinäramtes der Schweiz kam
im Jahr 2002 zu dem Ergebnis, dass Kinder doppelt so
häufig Hundebissverletzungen erleiden als
Erwachsene. Während insgesamt 24 % der Patienten
durch den eigenen Hund, 34 % durch einen bekannten
Hund und 42 % durch einen fremden Hund verletzt
wurden, wurden Kinder deutlich häufiger durch einen
bekannten Hund verletzt als Erwachsene.
Die Arbeitsgruppe resümiert, dass 80 % der
Bissverletzungen durch dem Opfer bekannte Hunde
(Familienhunde, Nachbarhunde) entstehen und mehr als
60 % der Opfer Kinder sind. Unfälle mit eigenen
Hunden fanden am häufigsten Zuhause statt (73 %),
Unfälle mit bekannten Hunden meist im Zuhause des
Hundes (48%), und der maßgebliche Unfallort mit
fremden Hunden war "anderswo" (59 %). Verletzungen
mit eigenen oder bekannten Hunden führten insgesamt
häufiger zu chirurgischer Wundversorgung in
Anästhesie und/oder zogen einen stationären
Krankenhausaufenthalt nach sich.
Schon hier wird deutlich, dass als hauptsächliche
Unfallursache falscher Umgang mit Kind und Hund
anzunehmen ist, nicht etwa die Rasse des Hundes.
Einen Bezug zwischen Hunderassen und
Bissverletzungen kann die Schweizer Studie dann auch
nur insoweit belegen, dass die in der Schweiz am
meisten verbreiteten Hunderassen auch die meisten
Bissverletzungen verursachen, wobei allerdings
Schäferhund und Rottweiler als Vertreter eines
bestimmten Hundetypus gemessen an ihrem Anteil an
der Hundepopulation deutlich überrepräsentiert sind.
Das österreichische Kinderunfall-Forschungszentrum
der Organisation "Grosse schützen Kleine" kommt in
einer gerade veröffentlichten Studie zu ähnlichen
Ergebnissen:
73 % der analysierten Bissverletzungen wurden von
einem dem Kind bekannten Hund verursacht, davon
handelte es sich in 14 % der Fälle um den eigenen
Hund der Familie. Nur in 15 % der Fällen war der
Bissverursacher ein gänzlich fremder Hund.
In der österreichischen Studie stellten Hunde über
44 cm Schulterhöhe 58 % der Bissverletzungen, bzgl.
der vertretenen Hunderassen waren in über 40 % der
Fälle ein Schäferhund oder Dobermann an der
Bissverletzung beteiligt, als dritthäufigster
Unfallverursacher stellte sich der Spitz heraus.
Welche schlimmen Folgen Hundebisse für Kinder haben,
zeigt die Statistik des
Kinderunfall-Forschungszentrums: 99 % der Kinder der
österreichischen Studie mussten zur Versorgung ihrer
Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden, 85 %
davon erlitten tiefe Verletzungen, 26 % mussten sich
einer Operation unterziehen und 27 % stationär im
Krankenhaus bleiben.

Lebensalter und Körpergröße der Kinder als
Unfallfaktoren
Die Dissertation von Ursula Horisberger weist nach,
dass kleine Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren
deutlich häufiger von kleinen Hunden verletzt werden
als größere Kinder. Kinder, besonders kleine, werden
überwiegend am Kopf verletzt, Erwachsene dagegen
überwiegend an den Extremitäten.
Colette Pillonel, Präsidentin der im November 1999
auf Initiative von TierärztInnen der Schweizerischen
Tierärztlichen Vereinigung für Verhaltensmedizin
STVV gegründeten
Arbeitsgruppe Gefährliche Hunde (AGGH), wies in
einer Fernsehsendung deshalb zu recht nachdrücklich
darauf hin, dass für die Schwere einer
Bissverletzung die Größe des Opfers mindestens eine
genau so große Rolle spielt wie die Größe des Hundes
- denn auch ein Kleinsthund kann ein am Boden
krabbelndes Kleinkind schwer oder lebensgefährlich
verletzen.
Die österreichische Studie belegt, dass die Gefahr,
einen Hundebiss zu erleiden, mit steigendem
Lebensalter der Kinder sinkt. 73 % der betroffenen
Kinder waren zum Zeitpunkt der Bissverletzung jünger
als 10 Jahre.
Dies gibt uns einen Hinweis, in welchem Lebensalter
Kinder ganz besonders unserer sorgfältigen
Beaufsichtigung im Umgang mit Hunden bedürfen.

Unfallsituationen
Die Verhaltensforscherin Dr. Dorit
Feddersen-Petersen nennt in einem Interview mit der
Morgenpost im August 2001 als Hauptursache für
Bissverletzungen von Kindern eine fehlende bzw. dem
Hund nicht korrekt vermittelte feste Rangordnung, in
der er unter den Kindern steht, und weist darauf
hin, dass Hunde fremde Kinder nicht als
Rudelmitglieder bzw. in die Rangordnung eingebunden
betrachten.
Die in der Schweiz analysierten Bissverletzungen
geschahen insgesamt zu 14 % während einer
Hunderauferei, zu 42 % während einer Interaktion mit
dem Hund und zu 44 % ohne diese bzw. es wurde keine
solche berichtet. Kinder jedoch, besonders kleine,
wurden häufiger bei Interaktionen mit Hunden
verletzt, während die Unfallsituation
"Hunderauferei" in erster Linie Erwachsene betraf.
Interaktionssituationen von Kindern mit Hunden
wurden in der österreichischen Studie detaillierter
erfasst: 28 % der Kinder spielten mit dem Hund, 10 %
kuschelten mit ihm, und 8 % fütterten den Hund, als
es zu der Bissverletzung kam. Insgesamt gingen in 74
% der Bissverletzungen diesen Interaktionen des
Kindes mit dem Hund voraus.
Aus diesen Daten lassen sich Erziehungsziele zur
Unfallverhütung ableiten: Spiel mit dem Hund darf
nicht zu grob und wild werden,
Zärtlichkeitsbekundungen nicht zu bedrängend,
Ruhebedürfnis, Schlaf- und Futterplätze sowie Futter
und Spielzeug des Hundes müssen vom Kind erkannt und
respektiert werden.

Was können wir tun für Kinder und Hunde?
Die Autoren der österreichischen Studie geben
folgende Ratschläge:
So sollten sich Menschen von den Hunden erst
beschnuppern lassen, bevor sie das Tier streicheln,
da das Riechen für Hunde ein wichtiges
Kommunikationsmittel ist. Da Hunde gerne alles
jagen, was läuft, sollte man an Hunden vorbei gehen
statt zu laufen und auch nicht versuchen davon zu
laufen.
Für viele Hunde könnte direkter Augenkontakt als
Aggression gedeutet werden, deshalb sollte direkter
Blickkontakt mit den Tieren vermieden werden. Auch
Herumschreien kann bei Hunden aggressives Verhalten
hervorrufen. Ein schlafendes oder fressendes Tier
sollte nie gestört werden, bei einem Hundekampf darf
man nicht dazwischen gehen, da kämpfende Hunde alles
in ihrer Nähe beißen.
Sollte es dennoch zu einem Angriff kommen, so ist es
am besten, ruhig stehen zu bleiben, die Beine
zusammen zu geben, Kopf und Hals mit Armen und
Händen zu schützen, da Hunde meistens in Arme,
Beine, Kopf und Hals beißen. Sollte der Angegriffene
bereits am Boden liegen, ist es wichtig, entweder
sofort aufzustehen oder - sofern das nicht möglich
ist -, das Gesicht zum Boden zu geben und Ohren mit
den Händen zu bedecken.
Das Bundesveterinäramt der Schweiz hat unter dem
Titel "Tapsi, komm..." eine kindgerechte Broschüre
herausgegeben, mit der man richtiges Verhalten
gegenüber eigenen und fremden Hunden kindgerecht
vermitteln kann. Sie ist über die Club-Seiten im
Internet verlinkt und zum Ausdrucken für jedermann
abrufbar.
Auch wenn unser eigener Hund freundlich und unsere
eigenen Kinder gut erzogen sind, so sollten wir doch
jede Gelegenheit nutzen, auch fremde Kinder zu
richtigem Umgang mit Hunden anzuleiten - denn damit
schützen wir sie, falls sie einmal dem "falschen"
Hund begegnen.
Einen Anfang gemacht hat "Diego", der als Vertreter
der AG MP mit Frank Braun im Januar des Jahres die
Schulklasse der Konrad-Duden-Schule in Bad Hersfeld
nicht nur begeisterte, sondern auch für Hunde als
Kommunikations- und Sozialpartner sensibilisierte.
Ich wünsche mir für die Zukunft noch viele solche
positiven und lehrreichen Begegnungen zwischen
Kindern und unseren Molossern.

Quellenangaben:
- Bundesamt für Veterinärwesen,
Schwarzenburgstrasse 155, CH-3003 Bern
- Arbeitsgruppe Gefährliche Hunde AGGH,
Schweizerische Tierärztliche Vereinigung für
Verhaltensmedizin STVV, Schlossstrasse 11, CH-6005
Luzern
- Grosse schützen Kleine, Österreichisches
Komitee für Unfallverhütung im Kindesalter,
Auenbruggerplatz 34, A-8036 Graz
- Medizinisch versorgte Hundebissverletzungen in
der Schweiz: Opfer - Hunde - Unfallsituationen»;
Dissertation, Ursula Horisberger (2002)
- Colette Pillonel: Aggressivität und
Gefährlichkeit beim Hund (AGGH)
- Dr. Dorit Feddersen-Petersen, Morgenpost, 08.
August 2001
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