Therapiehunde - Ausbildung, therapeutische Wirkung und Einsatz
 



Der erste Molosser im Dienst von "TAT"




Clubmitglied Simone Dustert, Medizinstudentin mit Berufsziel Kinder- und Jugendpsychiatrie aus Königswinter, musste echte Pionierarbeit leisten, um für sich und ihre Bullmastiffhündin Chain of Hope Brenda, genannt "Luna", ein geeignetes Ausbildungsangebot zu finden.





Hohes Engagement, die Überwindung einiger Barrieren, starke Motiviation und gute Nerven waren nötig, um ans Ziel zu gelangen. Und nur 25 - 50 % der Hunde bestehen schlussendlich vor den Gütekriterien von "TAT".

Heute ist Luna der erste Molosser, der als geprüfter Therapiehund der österreichischen Organisation "Tiere als Therapie" eingesetzt wird.


In unserem
Interview erläutert Simone Dustert die medizinischen und psychologischen Faktoren von Wirkungsweise und Einsatz der Therapiehunde, schildert deren Ausbildung und nennt Anforderungen an Hund und Halter.


INTERVIEW mit Simone Dustert


Sehr geehrte Frau Dustert, wie kam es zu Ihrem Wunsch, Luna zum Therapiehund ausbilden zu lassen?

Zu Beginn wollte ich mit meinem Hund nur irgendetwas Sinnvolles tun.

So entschied ich mich zu einer Rettungshundeausbildung. Als Luna aber 1 1/2 Jahre alt war, bekam sie die Diagnose einer "hypoplastischen Trachea und Bronchien" gestellt. Das heißt, dass ihre Luftröhre und Bronchien zu schmal sind. Dies ist eine sehr seltene angeborene Erkrankung. Schon als Welpe hatte sie Probleme, aber es dauerte sehr lange, bis ich die Diagnose bekam, eben weil die Krankheit so selten ist. Sie ist nicht 100 % körperlich belastbar, somit schied die Rettungshundearbeit für uns aus.

Ich habe mich dann informiert und einiges über Therapiehunde gelesen. Da ich selber gerne Kinder- und Jugendpsychiaterin werden möchte, interessiert mich dieses Thema sehr. Die Vorstellung, meinen Beruf zumindest ein wenig mit dem Hund zu verbinden, gefällt mir. Zudem bin ich überzeugt davon, dass Tiere Menschen wirklich helfen können.

Wie kamen Sie zu der österreichischen Organisation "Tiere als Therapie" (TAT)?

Leider ist es sehr schwierig, in Deutschland eine geeignete Stelle für die Ausbildung zu finden. Damals habe ich im Internet zwei Verbände gefunden. Der erste Verein schied aber schnell für mich aus, da es sich hier um eine von einer Privatfrau und Züchterin organisierte Sache handelte und sie zum anderen Molosser und sogenannte Kampfhunde von vornherein ablehnte. Dies zeigte mir, dass sie in diesem Bereich sicherlich nicht wirklich über Kompetenz verfügt, denn nicht die Rasse, sondern das einzelne Tiere ist entscheidend! Bei dem anderen Verband meldete ich mich an, jedoch wurde der Termin mangels Interessenten abgesagt. Somit wurde das Projekt "Therapiehund" erst mal gestrichen....

Alle paar Monate suchte ich im Internet weiter und stieß dann im März diesen Jahres auf eine Privatfrau in der Eifel, die mir dann TAT empfahl. Bei TAT = "Tiere als Therapie" handelt es sich um einen Verein, der im Jahr 1991 in Österreich von der Biologin Dr. Gerda Wittmann gegründet wurde. Frau Dr. Wittmann hatte während ihres langjährigen Aufenthaltes in Australien die Gelegenheit gehabt, die tiergestützte Therapie (animal assisted therapy - AAT) kennenzulernen und es sich nach ihrer Rückkehr zum Ziel gesetzt, diese auch in Österreich einzuführen.
Heute ist der Obmann des Vereins Univ. Prof. Dr. med. vet. Josef Leibetseder. Der gesamte Verein arbeitet mit vielen Fachleuten aus unterschiedlichsten Bereichen (Psychologie, Biologie, Medizin, Pädagogik etc.) zusammen. Die Hauptstelle des TAT ist die veterinärmedizinische Universität Wien.

TAT wird der großen Verantwortung, die mit der Therapiearbeit verbunden ist, dadurch gerecht, dass die Organsiation u.a. erstmals Gütekriterien für die Eignung und Ausbildung von Therapietieren erstellte und durch die Zusammenarbeit mit namhaften Experten die Qualität von Ausbildung und Einsatz sicherstellt. Darüber hinaus ist TAT vielfältig in der Wissenschaft engagiert.
Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass es sich hier um eine wirklich fundierte Ausbildung durch Fachleute handelt.

Wie lief die Ausbildung mit Luna bei TAT in Wien ab?

Ich habe Luna und mich zu einem Intensivkurs in Wien angemeldet. Dieser dauerte von Osterfreitag - Dienstag, kostete 250 Euro und beinhaltete 12 Stunden Theorie mit Abschlussprüfung und etliche Stunden Praxis mit Prüfung.


Ausbildung in Wien

Von Beginn an wurde uns gesagt, dass leider nur wenige Hunde zu dieser Prüfung zugelassen würden. Ein Therapiehund sei kein "normaler" Hund, sondern müsse ich jeder Situation immer völlig aggressionsfrei und möglichst auch ohne Angst reagieren. Wichtig war zudem der Gehorsam des Tieres und die Sozialverträglichkeit. Die Ausbildung war wirklich sehr schwer und Luna und ich waren teilweise mit unseren Nerven am Ende. Von 17 Hunden (zum größten Teil Retriever und Labradore) durften nur 6 zur Prüfung antreten, die es dann aber auch alle geschafft haben.
So auch meine Luna! Sie ist somit der erste geprüfte Bullmastiff und sogar Molosser des TAT! Ich bin natürlich mächtig stolz auf sie....

Wie erklärt sich medizinisch bzw. psychologisch die Wirkung von Therapiehunden?

Diese Frage kann man so kaum beantworten.
Es ist von sehr vielen Faktoren abhängig.
Nicht bei jedem Menschen hat ein Tier positive Auswirkungen. Wenn eine Person beispielsweise Tiere nicht mag, sollte man dies auch akzeptieren, denn dann wird man kaum Gutes erreichen können. Die Reittherapie zum Beispiel ist in Deutschland schon länger etabliert und auch die Therapie mit Delphinen ist dank den Medien recht bekannt.

Ich gehe besser auf einzelne Bereiche ein:

Zum einen gibt es nachweislich eine entwicklungsfördernde und erzieherische Wirkung von Haustieren auf Säuglinge, Kinder und Jugendliche.

Nach Angaben des Institutes f. Jugendforschung rangiert das Interesse von Kindern am Heimtier mit 66 % noch vor dem Sport mit 60 % und Musik und Fernsehen mit 46 %. Die besonders starke Anziehungskraft, die Tiere auf Kinder ausüben, läßt sich möglicherweise damit erklären, dass Kinder in der Ursprünglichkeit ihrer Bedürfnisse und Antriebe dem Tier eng verwandt sind. ("Wie kleine Kinder zeigen auch Katzen und Hunde, wenn sie körperliche Zuwendung und Trost suchen, keinerlei Hemmungen..." J.Serpell). Eine andere Erklärung liefert das neotene Verhalten bestimmter Tierarten und ihr teilweise unter künstlicher Selektion herausgezüchtetes physisches Erscheinungsbild (Kindchen-Schema). Dies kann Kinder dazu animieren z.B. Hunde oder Katzen als Ihresgleichen in anderem Gewand zu betrachten. (J. Serpell; Das Tier und wir. Eine Beziehungstudie. Zürich 1990)

Da Kinder den Kontakt zu Hunden schätzen und der Hund sich dem Kind im Falle kindlichen Fehlverhaltens entzieht bzw. dem Kind seine Grenzen zeigt, werden Kinder selbstverstärkend aus der Sache heraus dazu erzogen, sich a) dem Tier gegenüber artgerecht zu verhalten und b) als Voraussetzung hierfür, sich auf das Tier einzustellen und auf seine Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.

Die positiven Eigenschaften könnte ich nun in epischer Breite erklären und begründen, aber das würde wohl zu weit führen. So liste ich die Punkte nur kurz auf:

  • Erziehung zu Verantwortung und Rücksichtnahme
  • Erwerb sozialer und kommunikativer Kompetenz
  • Steigerung der Lernbereitschaft und Leistungsfähigkeit
  • Förderung von Humanität und Liebesfähigkeit
  • Erwerb emotionaler Kompetenz
  • Entwicklung zur Selbstständigkeit

Die heilungsfördernde Wirkung von Tieren auf emotional gestörte und psychisch kranke Kinder ist ebenfalls bekannt.


Luna mit der 7. Klasse der Hauptschule Oberpleis

Levinson (Kinderpsychotherapeut) war einer der ersten, die Haustiere in der Therapie einsetzte. Seiner Meinung nach läuft der tiergestütze Therapieprozess in Phasen ab. Zunächst wird das Kind mit dem Therapeuten und dem Tier bekannt gemacht (1). Das Tier findet gleich starke Beachtung des Kindes (2). Das Kind beginnt mit dem Tier zu spielen (3). Der Therapeut, welcher anfangs ignoriert wurde, wird nach und nach in die Interaktion mit einbezogen (4). Die Interaktionen mit dem Therpeuten treten in den Vordergrund (5). Folgende Argumente werden von praktizierenden Kindertherapeuten für die tiergestütze Therapie gebracht (auch hier fasse ich mich kurz):

  • Das Tier erleichtert den Beginn der Behandlung (Tier als Eisbrecher).
  • Im Gegensatz zu Puppen bemerkt das Kind im Kontakt zum Tier unmittelbar, dass seine Gefühle erwidert werden.
  • Projektionen und Übertragungen von Emotionen und Konflikten auf die Person des Therapeuten gelingen bei Kindern selten. Ein Tier hingegen eröffnet dem Kind die Möglichkeit zur Identifikation. Indem es Projektionen auf das Tier wirft, kann der Therapeut Einblick in das Unbewußte des Kindes bekommen.
  • Kinder sind überzeugt, dass Tiere ihre Gefühle verstehen und erfahren somit eine emotionale Unterstützung.
  • Die Dreierbeziehung (Kind, Tier, Therapeut) kann Konfiktsituationen provozieren, aus denen sich Abwehrmöglichkeiten und Übertragungen ergeben können (therapeutisch wichtig).
  • Ein lebendes Tier läßt sich nicht uneingeschränkt manipulieren.
  • Ein Tier kann zu Selbst- und Ichstärkung verhelfen.
  • Bei schwer beziehungsgestörten Kindern kann ein Tier den Rückzug ins Ich und somit in die soziale Isolation überwinden helfen. Tiere lassen sich im Gegensatz zu Menschen von einem "emotionalen Panzer" wenig beeindrucken.
  • Tiere laden zum Körperkontakt und Austausch von Zärtlichkeiten ein. Kinder mit Angst vor emotionaler Nähe zu Menschen brauchen diese Zärtlichkeiten.

Auch in der Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie helfen Tiere (Vgl. Corson et al.: Pet dogs as nonverbal communication links in hospital psychiatry, in: Comprehensive Psychiatry 18, Heft 1 (1977) 61-72). Zum Beispiel konnten durch den co-therapeutischen Einsatz von Hunden in einer psychiatrischen Klinik meßbare Erfolge der Therapie nachgewiesen werden. Von 50 Patienten, die auf konventionelle Therapie nicht ansprachen, zeigten 47 deutliche Besserung des Befindens. Corson sieht die Rolle von Tiere inbesondere als "soziale Katalysatoren".

Nun noch kurz zu Besuchen in geriatrischen Einrichtungen:

Viele alte Menschen habe ihren Lebensgefährten bereits verloren und sind relativ einsam. Somit mangelt es ihnen auch an körperlicher Zuwendung. Auch hier laden Tiere zum Körperkontakt und Austausch von Zärtlichkeiten ein. Ein Tier nimmt den Menschen so wie er ist, Krankheiten, Alter, unangenehme Gerüche, Gedanken etc. stören das Tier nicht. Die Bewohner fühlen sich von dem Hund ohne Einschränkungen angenommen. Demenzkranke bemühen zudem oft ihr Altzeitgedächtnis, da sie sich an vergangene Situationen mit Hunden erinnern. Auch das Neuzeitgedächntis wird gefordert, denn die Leute möchten den Namen des Hundes wissen und vielleicht auch das ein oder andere über das Tier erfahren. Wenn die Bewohner einen Hund über den ganzen Körper streicheln, erfordert dies eine große Bewegung aus der Schulter. Gerade Patienten, die an Parkinson leiden, sind in solchen großen Bewegungen eingeschränkt. Die Feinmotorik kann z.B. durch die Gabe von kleinen Leckerchen gefördert werden. Zudem ist der Hundehalter anwesend und wirkt auch positiv durch Gespräche und Aufmerksamkeit und Abwechslung auf die Bewohner ein.

Haben Sie so etwas bei Ihren Einsätzen mit Luna selbst beobachten können?

Ja, auf jeden Fall. Eine alte demenzkranke Dame freute sich sehr über unseren Besuch. Am wichtigsten war für sie, dass sie sich von Luna so geliebt, angenommen und auch verstanden fühlte. Sie meinte, dass Luna sie sehr mag, weil Luna ja auch merken würde, dass sie selber den Hund so mag. Zum anderen suchte sie nach hundegeeigneten Leckerlis in ihrer Wohnung.


Luna im Einsatz

In der Schule merkte man, dass auch Kinder, die sonst eher "cool" sind, dem Hund gegenüber Gefühle zeigen können. Sie haben auch im Verhalten (Lärm und Hektik) sehr Rücksicht auf Luna genommen. Ein Mädchen mit großer Hundeangst konnte am Ende Luna schon anfassen und man merkte deutlich, wie sehr dies ihrem Selbtbewußtsein half. Luna ging auch zu Kindern, die sonst eher abseits stehen.

Welche "Talente" bzw. Voraussetzungen muss ein Hund mitbringen, um als Therapiehund geeignet zu sein?

Die Voraussetzungen für die Teilnahme an einer Ausbildung zum Therapiehund beinhalten, daß der Hund gut sozialisiert ist. Es muß ein menschenfreundlicher Hund sein, mit hoher Toleranzschwelle gegen Menschen und Tiere (hohe Reizschwelle, absolut niedrige Aggressionsneigung). Er sollte ein ausgeglichenens Wesen haben, extrovertiert sein, den Kontakt zum Menschen aktiv suchen. Weiterhin sollte der Hund einen gewissen Grundgehorsam (BGH - Niveau, Beherrschung, gute Bindung zum Hundeführer) besitzen. Der Hund muß in einem optimalen Gesundheitszustand sein und darf keine Schutzausbildung angefangen oder abgeschlossen haben. Das Mindestalter von 18 Monaten soll nicht unterschritten werden, nach oben sind keine Grenzen, sofern es der Gesundheitszustand des Tieres erlaubt.

Welche Anforderungen werden an den Halter gestellt?

Der Hundehalter sollte eine soziale Ader haben, Geduld mitbringen, Teamgeist zeigen und auch neugierig auf Neues sein. Ungeeignet wären krankhaft ehrgeizige Hundehalter, Menschen mit Kontaktschwierigkeiten oder Depressionen.

Wieviel Zeit muss man investieren?

Das ist ganz individuell. Die Ausbildung im Intensivkurs bei TAT dauert nur eine Woche und erfordert dann eine jährliche Kontrolle. Die Menge der Einsätze kann man selber festlegen. Allerdings benötigt es hier in Deutschland eine Menge an Engagement, die Leute von dem Sinn der Therapie zu überzeugen und somit überhaupt Therapiemöglichkeiten zu schaffen.

Was würden Sie Hundehaltern empfehlen, die ebenfalls mit ihrem Hund als Therapiehund ehrenamtlich tätig werden möchten?

Ich würde ihnen die Ausbildung beim TAT in Wien empfehlen. Sie sollten sich vorher gut überlegen, ob der Hund die oben genannten Anforderungen alle mitbringt und auch an einer solchen Arbeit Spaß haben würde. Man kann und sollte ein Tier nicht dazu zwingen. Die Ausbildung und Arbeit ist nur über positive Bestärkung möglich. Der Hund muß auch eine enge Bindung an seinen Menschen haben. Läßt sich der Hund wirklich gerne vom Menschen anfassen und längere Zeit knuddeln? Der Weg nach Wien ist weit und die Durchfallquote liegt bei 50-75 %. Der Besitzer sollte auch nicht zu ehrgeizig sein, denn wenn ein Hund nicht als Therapiehund geeignet ist, kann er dennoch ein toller Familienhund sein. Ansonsten kann ich diese Ausbildung sehr empfehlen.
Mir hat es sehr gefallen und die Besuche waren auch wirklich schön.

Möchten Sie eines Tages berufliches und privates Engagement verbinden?

Ja, ich würde sehr gerne als Kinder- und Jugendpsychiaterin tierunterstützend arbeiten. Aber das wird wohl noch einige Jahre dauern...


Sehr geehrte Frau Dustert, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und wünschen Ihnen und Luna für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg.

Auch wir sind sehr stolz auf Sie und Luna und freuen uns über den ersten Molosser im Dienst von TAT.


Weitere Informationen über Luna, ihre Erfahrungen und Einsätze finden Sie auf Simone Dusterts Internetseite:

www.bull-mastiff.de

Näheres über die Organisation "Tiere als Therapie" finden Sie auf den Internetseiten des Vereins selbst:

www.tierealstherapie.org


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