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VDH-Rundschreiben 4/2004
VDH-Rundschreiben
4/2004 – Anlage 3
Oktober 2004
Infektionen durch Hundekot?
Seit einiger Zeit gibt es eine unsachliche und emotional
geführte Diskussion über die Auswirkungen von Hundekot
für die Gesundheit von Kühen. Der Verband für das
Deutsche Hundewesen (VDH) e.V. veröffentlicht im
folgenden zu dieser Thematik ein Gutachten führender
Parasitologen, um zur Versachlichung der Diskussion
beizutragen.
Wider die Panikmache um die Neosporose, die
Verteufelung von Hunden als Verursacher von
Rinderaborten
Von Prof. Dr. H. Mehlhorn, Prof. Dr. A.O. Heydorn und
Prof. Dr. E. Schein
In jüngster Zeit wurden Bauern durch aufgebauschte
Presseberichte, aber auch durch Aktionen von
Bauernverbänden verunsichert. Ausgangspunkt ist, daß der
Neospora caninum genannte parasitische Einzeller
(im Kot von Hunden) angeblich für ungefähr 1/3 aller
Rinderaborte verantwortlich ist – eine generelle Zunahme
der Aborte wurde zudem nicht nur zwischen den Zeilen
angedeutet.
Die wissenschaftlich gesicherten Ergebnisse zeigen bei
nüchterner Bewertung aber, daß kein Anlaß zur Panik
gegeben ist und daß erst recht kein Grund für eine
Verteufelung von Hunden und insbesondere derer der
Spaziergänger besteht.
Die folgenden Fakten sind zu betrachten:
-
Richtig ist, daß im Hundekot ein Einzeller
ausgeschieden wird, der von Heydorn 1973 beschrieben
und später von Dubey Neospora caninum genannt
wurde. Dieser Erreger führt bei gesunden Tieren
(Rind, Ziege, Maus, Ratte, Hund) aber zu keinerlei
Krankheitssymptomen. Krankheitssymptome kann man nur
erzeugen, wenn die Tiere experimentell vor der
Infektion mit Cortison etc. vorbehandelt werden, was
zu einer Schwächung des Immunsystems führt.
-
Nicht einmal erwiesen ist, daß Hunde, die
serologisch positiv sind, auch ausgeschieden haben.
Sie könnten auch nur selbst Träger des Parasiten sein
und somit Antikörper produzieren.
-
Richtig ist, daß bei gesunden Kühen häufig sog.
Antikörper gegen diesen Einzeller nachgewiesen werden
können. Diese Antikörper finden sich in Australien in
bis zu 20% der Kühe, in Deutschland oft bei 5% der
Tiere. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, daß der
Parasit auch noch anwesend ist.
-
Richtig ist, daß bei einer Anzahl von
abgetöteten oder krank geborenen Foeten von Rindern
und (noch seltener) von Hunden Stadien von Neospora
nachgewiesen wurden.
-
Falsch ist, daß dieses Auffinden von Parasiten
der endgültige Beweis ist, daß die Parasiten die
tatsächliche oder alleinige Ursache für den Abort
sind. Der wissenschaftliche Beweis, daß Neospora
für sich alleine Aborte auslöst, wurde bisher nicht
erbracht. Die Landwirtschaftskammer Westfalen-Lippe
(Autoren Dr. S. Schmidt, Dr. Zioleck, Dr. S. Grundlach)
hat allein 17 Gründe für Rinderaborte aufgelistet, die
auf Infektionen zurückgehen – weitere existieren
sicher auf Grund genetischer Zuchtfaktoren oder
Stoffwechselerkrankungen.
Diese anderen möglichen Ursachen wurden bei den
Untersuchungen der abortierten Foeten nicht oder nicht
vollständig ausgeschlossen. Es ist bei der Sachlage der
geringgradigen Vermehrung von Neospora in
gesunden Tieren offenkundig, daß sich Neospora
als „Trittfahrer“ in kranken Foeten ausbreitet. Dies
wird auch dadurch belegt, daß z.B. in Australien bei
Herden mit 20%iger Durchseuchung mit Neospora zum
Teil überhaupt keine Aborte auftraten.
-
Richtig ist, daß Hunde Dauerstadien von
Neospora im Kot ausscheiden, dies aber nur sehr
kurz und in sehr geringem Maße und auch nur, wenn sie
rohes (= ungekochtes, nicht tiefgefrorenes)
erregerhaltiges Fleisch gefressen haben. Dies ist beim
typischen „chappi-ernährten“ Hund der Spaziergänger
nicht der Fall. Auch die früher noch praktizierte
Hausschlachtung auf Bauernhöfen, bei der etwas „Rohes“
für die Hofhunde „abfallen“ konnte, ist heute extrem
selten. Darüberhinaus sind die Parasiten selbst in
befallenen Tieren extrem rar, so daß ein
Übertragungsrisiko gering ist.
Fazit:
Die Übertragung der - nach unserer Meinung - für
gesunde Tiere ungefährlichen Neospora-Stadien
erfolgt somit im wesentlichen von der Kuh aufs Kalb.
Sofern überhaupt Hunde in nennenswertem Maße an der
Verbreitung beteiligt sind, so sind es die Hunde der
Bauern selbst – sofern sie mit rohem Fleisch ernährt
werden. Zu einer Verteufelung von Spaziergängerhunden
besteht somit absolut keine Veranlassung. Die in einigen
Presseberichten hervorgehobene Zunahme von N.
caninum-verursachten Aborten ist völlig widersinnig,
da Hunde heute viel seltener mit rohem Fleisch gefüttert
werden als früher. Falls dennoch die Zunahme richtig
wäre, würde dies die Unschuld des Hundes beweisen.
Prof. Dr. H.
Mehlhorn
Prof. Dr. A.O. Heydorn
Inst. f.
Parasitologie Prof.
Dr. E. Schein
Uni
Düsseldorf Inst.
f. Vet. Parasitologie
40225
Düsseldorf FU
Berlin
14163 Berlin
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